fiege.ai

Research / Beitrag / Stand 22.9.2026

Was Ende-zu-Ende wirklich heißt: ein Vorgang in sechs Stufen

Vom Onlineformular bis zur Buchung im Fachverfahren: wer macht was, wo läuft ein Modell, wo entscheidet ein Mensch?

Über Ende-zu-Ende wird seit Jahren geredet. Gezeigt wird selten etwas. Diese Seite zeigt den Weg, den ein einzelner Antrag nimmt, Stufe für Stufe, mit der Angabe, wo ein Modell läuft, was es kostet und wer entscheidet.

Ende-zu-Ende: sechs Stufen vom Formular bis ins Fachverfahren Senkrechter Ablauf in sechs Stufen. Stufe 1 Eingang, regelbasiert. Stufe 2 Einlesen durch ein Vision-Modell, nur bei Papier. Stufe 3 Prüfen, regelbasiert. Stufe 4 Entwurf durch ein Modell, mit Fundstellen aus vier Rechtsschichten. Stufe 5 Freigabe durch die Fachkraft, hier entsteht der Verwaltungsakt. Stufe 6 Übergabe ins Fachverfahren, regelbasiert. Vier der sechs Stufen kommen ohne Sprachmodell aus. EIN VORGANG, SECHS STUFEN 4 VON 6 OHNE SPRACHMODELL 01 Eingang REGEL Antrag kommt aus dem Onlineformular als XML, oder als Scan aus der Poststelle. Zuständigkeit und Aktenzeichen werden gesetzt. 0 Token 02 Einlesen MODELL Bei Papier: Vision-Modell liest die Felder. Bei XML entfällt dieser Schritt vollständig. ~48.000 Token ein · nur bei Papier 03 Prüfen REGEL Prüfziffern, Betragsgrenzen, Fristen, Pflichtfelder. Deterministisch, in jedem Audit erklärbar. 0 Token 04 Entwurf MODELL Entscheidungsvorschlag mit Fundstelle je Rechtsschicht: Bund, Land, Haus, Ort. ~15.000 Token ein 05 Freigabe MENSCH Die Fachkraft entscheidet: bestätigen, ändern, verwerfen. Mit Zeit, Befähigung und dokumentiertem Ablehnungsrecht. § 35a VwVfG 06 Übergabe REGEL Strukturierter Datensatz ins Fachverfahren, oder vorbereiteter Eintrag zum Bestätigen. 0 Token ZURÜCK BEI FEHLENDEN UNTERLAGEN: STUFE 03 ERZEUGT DIE NACHFORDERUNG, DER VORGANG WARTET. DAS MODELL LÄUFT AUF EINER EIGENEN INSTANZ IM DEUTSCHEN RECHENZENTRUM. OFFENE GEWICHTE, AUSTAUSCHBAR. JEDE ANTWORT TRÄGT FUNDSTELLE UND FASSUNG. DIE FACHKRAFT ENTSCHEIDET, NICHT DAS SYSTEM.
Ein Antrag auf dem Weg durch ein agentisches System. REGEL heißt: deterministisch, ohne Sprachmodell, ohne Token. MODELL heißt: ein Aufruf an ein Modell mit offenen Gewichten auf einer eigenen Instanz. MENSCH heißt: hier entscheidet die Fachkraft, und nur hier entsteht der Verwaltungsakt.

Die zwei Stufen mit Modell

Stufe 2, Einlesen. Nur bei Papier. Ein Vision-Sprachmodell bekommt das Seitenbild und die Feldliste und gibt die Werte strukturiert zurück. Wie gut das geht, ist gemessen: 88 bis 89 Prozent normalisierte Trefferquote, bei Beträgen und IBAN auf schlechten Scans nur 72 bis 78 Prozent. Deshalb folgt zwingend Stufe 3. Details im Handschrift-Benchmark.

Stufe 4, Entwurf. Das Modell bekommt den geprüften Sachverhalt und die passenden Rechtsstellen aus der eigenen Wissensbasis, nicht den gesamten Aktenbestand. Es formuliert einen Entscheidungsvorschlag und nennt zu jeder tragenden Aussage die Fundstelle mit Fassung, getrennt nach Bund, Land, Haus und Ort. Wo es keine Fundstelle gibt, schreibt es das hin, statt die Lücke zu füllen.

Die vier Stufen ohne Modell

Eingang, Prüfung, Nachforderung und Übergabe laufen über Regeln. Das ist kein Verzicht, sondern der Grund, warum die Strecke bezahlbar und prüfbar ist:

Stufe Regel statt Modell Warum
Eingang Zuständigkeit aus Postleitzahl und Leistungsart deterministisch, in der Satzung nachlesbar
Prüfung IBAN-Prüfziffer, Betragsgrenzen, Pflichtfelder, Fristen fängt genau die Fehler ab, die Modelle machen
Nachforderung Textbaustein je fehlender Position im Wortlaut vom Fachbereich freigegeben
Übergabe Feldabbildung ins Fachverfahren eine falsche Zuordnung wäre ein Datenfehler, kein Formulierungsfehler

Warum die Freigabe die wichtigste Stufe ist

Stufe 5 ist nicht der Knopf am Ende, sondern die rechtliche Grundlage der ganzen Strecke. Ein Vorschlag ist sonstiges Verwaltungshandeln. Der Verwaltungsakt entsteht erst durch die Entscheidung der Fachkraft. Damit das trägt, müssen vier Bedingungen erfüllt sein: befähigte Person, ausreichend Zeit, echtes Ablehnungsrecht, nachvollziehbare Begründung. Fehlt eine davon, wird aus dem Durchklicken faktisch eine Vollautomatisierung, für die nach § 35a VwVfG in aller Regel die Rechtsgrundlage fehlt. Die Systematik steht unter Vollautomatisierung.

Praktisch heißt das: Die Oberfläche muss den Vorschlag neben die Quelle stellen, nicht statt ihr. Die Fachkraft muss mit zwei Klicks in das Originaldokument springen können. Und ein Verwerfen muss genauso schnell gehen wie ein Bestätigen, sonst entsteht Druck in eine Richtung.

Was der Vorgang kostet

Fall Modellaufrufe Eingabe-Token Größenordnung
XML aus dem Onlineformular 1 (Entwurf) ~15.000 unter 1 Cent
Papierantrag, 30 Seiten 2 (Einlesen, Entwurf) ~63.000 1 bis 3 Cent
Nachforderung nötig + 1 kleiner Aufruf ~2.000 vernachlässigbar

Bei 1.000 Anträgen im Monat liegt der Modellverbrauch also im zweistelligen Eurobereich. Die Kosten entstehen woanders: in der dedizierten Instanz, im Betrieb und in der Pflege der Wissensbasis. Die Rechnung dazu steht unter Was ein Vorgang kostet.

Wo es heute klemmt

Die Strecke ist technisch vollständig baubar. Sie scheitert in der Praxis an zwei Stellen:

  1. Stufe 6. Die meisten Fachverfahren haben keine offene Schnittstelle. Der realistische Zuschnitt endet deshalb oft bei „vorbereiteter Eintrag, Fachkraft bestätigt". Das ist kein Scheitern, sondern die ehrliche Grenze. Siehe Fachverfahren.
  2. Stufe 1. Nur ein Teil der Anträge kommt strukturiert herein. Solange 90 Prozent auf Papier kommen, bleibt Stufe 2 der teuerste Schritt, und ein besserer Scanner bringt mehr als ein größeres Modell.

Wer die Strecke einführen will, beginnt nicht bei Stufe 4, sondern bei Stufe 3: Die Vollständigkeitsprüfung mit Nachforderungsliste erzeugt keinen Verwaltungsakt, braucht keine Schnittstelle, ist heute technisch gelöst und spart die Zeit, über die Sachbearbeitende tatsächlich klagen.

Kurz gefragt

Was bedeutet Ende-zu-Ende in der Verwaltung?

Dass ein Vorgang ohne Medienbruch vom Eingang bis zur Wirkung im Fachverfahren läuft: kein Ausdrucken, kein Abtippen, keine Zweiterfassung. Die meisten Häuser haben heute den Eingang digitalisiert und den Rest nicht.

Was ist ein agentisches System?

Software, die ein Sprachmodell mit Werkzeugen, Gedächtnis und Regeln umgibt und mehrere Schritte nacheinander ausführt. Der Unterschied zum Chat: Es gibt einen festgelegten Ablauf mit Zwischenergebnissen, die geprüft werden können, statt eines offenen Gesprächs.

Warum ein Modell mit offenen Gewichten?

Weil die Verwaltung dann die Instanz selbst betreiben oder betreiben lassen kann, ohne dass Daten in eine geteilte Schnittstelle gehen, und weil das Modell austauschbar bleibt. Für die Erkennungsleistung ist die Modellgröße dabei weniger entscheidend als die Scanqualität.

Wie viele Token kostet ein solcher Vorgang?

Bei einem Papierantrag mit 30 Seiten rund 48.000 Eingabe-Token für das Einlesen und rund 15.000 für den Entwurf. Bei einem XML-Eingang entfällt das Einlesen. Kommt der Antrag strukturiert herein, liegen die Modellkosten im niedrigen Cent-Bereich.

Wo liegt der rechtliche Unterschied zwischen Stufe 4 und Stufe 5?

Stufe 4 erzeugt einen Vorschlag, das ist sonstiges Verwaltungshandeln. Erst mit der Freigabe in Stufe 5 entsteht der Verwaltungsakt, und er entsteht durch die Entscheidung der Fachkraft. Wer nur durchklickt, macht daraus faktisch eine Vollautomatisierung ohne Rechtsgrundlage.

Rechtsgrundlagen

NormFassungFundstelle
§ 35a VwVfG (vollständig automatisierter Erlass eines Verwaltungsaktes)in Kraft seit 01.01.2017gesetze-im-internet.de
§ 24 VwVfG (Untersuchungsgrundsatz)[ ]gesetze-im-internet.de
Art. 22 DSGVO (automatisierte Entscheidungen im Einzelfall)Verordnung (EU) 2016/679EUR-Lex

Eckige Klammern [ ] markieren Fassungsangaben, die vor Veröffentlichung noch geprüft werden. Rechtsnormen sind sinngemäß wiedergegeben; maßgeblich ist der amtliche Text.

Quellen

Stand 22.9.2026 · fiege.ai